

Kultur vor Profit: Warum Zukunft keine Technologiefrage ist
Was glaubst du: Wie weit ist ein Zukunftsberater seinen Kunden voraus? Fünf Jahre? Zehn? Arne Baier lacht und sagt: „Im Zeitalter der KI vielleicht vier Wochen.“
Diese Antwort hat mich nicht ziemlich überrascht. Arne ist Gründer und Geschäftsführer von KOMTEAMER, einer IT-Management-Beratung, die er 2006 gegründet hat. Heute berät sein Team Unternehmen bei der digitalen Transformation, der Mobilitätswende und der Gebäudeenergiewende. Sein Motto: „We are working today and tomorrow.“ In dieser Folge von Klartext mit Herz haben wir darüber gesprochen, was Unternehmen wirklich zukunftsfähig macht. Am Ende ging es um viel mehr als Technik.
Mit mir nicht: ein Tesla als Statement
Arne fuhr schon 2015 elektrisch, zu einer Zeit, als viele noch nicht wussten, dass man einen Tesla überhaupt kaufen kann. Auslöser war kein Umweltgedanke, sondern ein Gefühl: Als der Dieselskandal hochkam, fühlte er sich als Dieselfahrer betrogen. Er wollte ein Zeichen setzen.
Ein bisschen Planung, die ersten Supercharger alle 40 bis 60 Kilometer, und es ging. Geblieben ist er wegen des Nutzens: weniger Kosten, keine Werkstatttermine mehr. Meine erste Lektion des Gesprächs: Veränderung beginnt oft mit einer Haltung und setzt sich durch, wenn sie im Alltag überzeugt.
Angst ist kein guter Berater
Auf meine Frage nach den häufigsten Denkfehlern gegenüber neuen Technologien sagte Arne etwas Überraschendes: Er glaube gar nicht an Denkfehler. Viel öfter sei Angst im Spiel. Viele Unternehmen fahren „mit angezogener Handbremse“, obwohl sie genau wüssten, welche Schritte anstehen.
Ob ein Unternehmen den Mut aufbringt, hängt für Arne nicht von der Größe ab. Er erlebt Mittelständler, die mutig vorangehen, und andere, die sich nicht bewegen. Es ist eine Frage der Führung und der Kultur. Herrscht eine Kultur, in der man aus Fehlern lernt? Oder eine, in der man für jeden Fehler „einen auf die Nase kriegt“?
Sein Bild dafür bleibt hängen: Bei SpaceX explodiert eine Rakete, und das Team jubelt. Weil es eine Erfahrung gemacht hat, die es weiterbringt.
Erfolg folgt der Kultur
Arne erinnert an die vier P: People, Processes, Products und Politics. Menschen schließen sich zusammen, organisieren sich in Prozessen und nutzen Werkzeuge. Ob das Ganze gelingt, entscheidet am Ende die Kultur. Sie kann viel zerstören oder alles nach vorne katapultieren.
Daraus leitet er eine klare Haltung ab: Culture for Profit statt Profit for Culture. Ein Geschäftsmodell, das nur auf Gewinn optimiert ist, bremst sich irgendwann selbst aus. Eine gute Idee in einer guten Kultur dagegen trägt dich auf eine Erfolgswelle, die den Profit fast automatisch mitbringt.
Ich gehe da gefühlsmäßig sofort mit. Gleichzeitig weiß ich, dass viele Führungskräfte an Zahlen gemessen werden, oft mit Verträgen über vier Jahre. Das macht diesen Wandel anspruchsvoll. Arne sieht trotzdem einen Weg: Kultur lässt sich messen, wenn man neben den klassischen Kennzahlen auch andere in den Blick nimmt.
Verantwortung lässt sich nicht delegieren
Ein Gedanke hat mich besonders nachdenklich gemacht: „Wir müssen die Menschen mitnehmen“, hört man oft, in Unternehmen wie in der Politik. Arne fragt, ob dahinter nicht manchmal eine Delegation von Verantwortung steckt, die eigentlich zur Führung gehört.
Natürlich braucht es Menschen, die eine Veränderung mittragen. Aber die Entscheidung, mit modernen Technologien zu arbeiten, muss die Führung treffen und verantworten. Dieser Mut, so Arne, fehlt uns in Deutschland oft.
Dazu passt sein Prinzip „Human AI Leadership“: Die KI bündelt Komplexität, bringt Struktur hinein und denkt schneller. Die Entscheidung trifft der Mensch, und er trägt auch die Verantwortung dafür.
Rechnen mit Licht
Wie es aussieht, wenn eine Organisation diesen Mut lebt, erlebt Arne gerade in einem Mandat bei einem Unternehmen aus Baden-Württemberg, das photonische Rechenwerke entwickelt. Diese Rechner arbeiten mit Licht statt mit Elektronen, sind enorm energiesparend und erzeugen kaum Abwärme. Für Rechenzentren und KI könnte das ein Wendepunkt sein.
Noch mehr als die Technologie begeistert ihn die Kultur dort. Alle nutzen KI bis an die Grenze, und die Geschäftsführung stellt ohne Zögern die Werkzeuge bereit, die das Team braucht. Nach so vielen Jahren in der IT, sagt Arne, habe er so etwas noch nie gesehen. Das Unternehmen ist so schnell gewachsen, dass es seine eigenen Strukturen überholt hat. Jetzt geht es darum, das Fundament nachzuziehen.
Am Unternehmen arbeiten statt für das Unternehmen
Wohin geht die Reise in den nächsten drei bis fünf Jahren? Arne denkt in Ebenen. Ganz oben steht für ihn die Evolution der Arbeit und der Rollen. Heute arbeiten wir für das Unternehmen und erledigen die Wertschöpfung selbst. Künftig werden KI und Robotik einen Großteil dieser Routine übernehmen, und wir Menschen arbeiten am Unternehmen, um es weiterzuentwickeln.
Schon 2017 sagte er: „Alles, was ein Prozess ist, wird irgendwann automatisiert ablaufen.“ Dafür wurde er damals als Provokateur beschimpft. Heute zeigt sich, dass die Prozesse, die sein Team damals digitalisiert hat, genau der Treibstoff sind, mit dem KI heute arbeitet. „Wir haben 2017 unwissentlich die Tankstellen für künstliche Intelligenz gebaut.“
Was heißt das für junge Menschen, die gerade ins Berufsleben starten? Für Arne vor allem eins: die Bereitschaft, Veränderung anzunehmen und mitzufließen. Das gilt vom Auszubildenden bis in den Vorstand.
Vom Bremser zum Ermöglicher
Zum Schluss habe ich Arne gefragt, welcher Gedanke eine Geschäftsführerin oder einen Geschäftsführer auf dem Weg zur Arbeit begleiten sollte. Seine Antwort: Werde ein Enabler. Räume Steine aus dem Weg. Deine Fachleute wissen in der Regel sehr gut, was zu tun ist. Und niemand trifft absichtlich eine falsche Entscheidung.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Folge. Die Zukunft entscheidet sich nicht an der neuesten Technologie, sondern daran, ob wir eine Kultur schaffen, in der Menschen mutig sein dürfen.
Mehr über Arne Baier und ComTeamer: https://komteamer.com
Und du? Wo fährst du selbst gerade noch mit angezogener Handbremse, und was würde passieren, wenn du sie löst?
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Die ganze Folge findest du auf Spotify und YouTube:
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