

Das Leben ist gleichzeitig: über Körper, Bewusstsein und ein neues Bild von Männlichkeit
Kennst du das? Gerade passiert etwas, das du richtig toll findest. Und im selben Moment etwas, das dich völlig runterzieht. Und du fragst dich: Wie soll ich jetzt damit umgehen?
Genau darüber habe ich in der neuen Folge von Klartext mit Herz mit Adeniyi Akinwale gesprochen. Kennengelernt habe ich Adeniyi auf einem Retreat in diesem Jahr, wo er als Coach dabei war. Er hat mich dort nachhaltig beeindruckt. Und eine Idee hat unser ganzes Gespräch getragen: Das Leben ist gleichzeitig.
Inselhopping mit Tiefseetauchen
Adeniyi hat Informatik studiert, weil seine Eltern es sich so gewünscht hatten. Schnell merkte er, dass das nicht seine Welt ist. Er wurde Fußballtrainer mit A-Lizenz, gründete ein Fitnessstudio und arbeitete mit Menschen jeden Alters. Mit Anfang dreißig dann ein schwerer Bandscheibenvorfall. Rückblickend für ihn ein Wendepunkt.
Seinen Weg beschreibt er als „Inselhopping mit Tiefseetauchen“: eine Insel finden, die ihn interessiert, sie in der Tiefe erforschen und dann weiterziehen. Lange hat er sich anhören müssen, er solle doch endlich „mal was Richtiges“ machen. Heute weiß er: Gerade das Verknüpfen all dieser Erfahrungen ist seine Stärke.
Ich musste dabei schmunzeln. Mir hat vor Jahren jemand gesagt, ich sei „wankelmütig“. Das hat mich damals tief getroffen. Heute sehe ich, wie Steve Jobs es beschrieben hat: Die Punkte verbinden sich erst im Rückblick.
Faszien: geronnene Geschichte
In der Faszientherapie erlebte Adeniyi etwas Unerwartetes. Während er mit einer Klientin rein strukturell arbeitete, tauchten plötzlich starke Emotionen auf. Für ihn der Anstoß, Körperpsychotherapeut zu werden.
Die Faszie beschreibt er wie einen Spider-Man-Anzug: ein Netz, das den ganzen Körper durchzieht und alles mit allem verbindet. Sein Ausbilder nannte sie „geronnene Geschichte“. Das Bindeglied zwischen Körper und Psyche ist für Adeniyi die Haltung. Wer traurig ist, sinkt in sich zusammen. Und wer dauerhaft zusammengesunken ist, hat leichter Zugang zu Traurigkeit als zu Zuversicht. Es wirkt in beide Richtungen.
Was Gleichzeitigkeit bedeutet
Adeniyi macht es an einem Beispiel greifbar: Jemand bittet dich um etwas, und eigentlich willst du Nein sagen. Gleichzeitig hörst du dich Ja sagen. Gleichzeitig fühlt sich das im Körper nicht gut an. Und gleichzeitig meldet sich die Frage, ob du überhaupt so viel Raum einnehmen darfst. All das passiert im selben Moment, auf verschiedenen Ebenen.
Viele Menschen haben gelernt, einen Teil davon auszublenden, damit es sie nicht überwältigt. Was fehlt, ist eine Sprache für das, was in uns passiert. In der Schule lernen wir sie nicht.
Fühlbares Wissen statt Theorie
Ein Satz von Adeniyi ist mir besonders hängen geblieben: Es macht einen großen Unterschied, ob ich etwas weiß oder ob ich es fühle. Viele Menschen haben längst verstanden, was sie ändern sollten. Und landen trotzdem nach Jahren immer wieder an derselben Stelle. Neuer Job, neues Haus, neues Ziel. Aber die innere Haltung ist dieselbe geblieben.
Echte Veränderung braucht eine neue Erfahrung. Und sie verläuft nicht linear. Manchmal verändert jemand seine Körperhaltung und wird plötzlich mutiger im Leben, ohne je „Mut“ trainiert zu haben. Das erfordert Neugier statt fertiger Antworten. Etwas, das mir auch im Coaching immer wieder begegnet: Wir wollen wissen, was passiert, bevor wir losgehen.
Weich sein ist keine Schwäche
Führungskräfte, die menschlich führen wollen, hören oft: „Du bist zu weich.“ Ich erlebe das bei jungen Führungskräften immer wieder. Dabei kann ich weich im Umgang sein und gleichzeitig sehr klar in der Sache.
Adeniyi hat es auf den Punkt gebracht: Weich sein heißt, dass das Herz offen ist. Dass wir in Resonanz gehen und den anderen überhaupt fühlen können. Wenn ich steinhart bin, wie soll das gehen? Und dabei muss das Alte nicht weg. Die Frage ist: Kann ich das Bewährte behalten und trotzdem das Neue zulassen? Erst dann habe ich wirklich die Wahl.
Spiegel sein und pendeln
In seiner Arbeit schafft Adeniyi Räume, in denen Menschen erst einmal einfach da sein dürfen. Ohne Leistung, ohne Bewertung. Er versteht sich als Spiegel und setzt dabei verschiedene „Brillen“ auf: Haltung, Atem, Stimme, Energie.
Sein wichtigstes Werkzeug dafür ist das Pendeln. Mit der Aufmerksamkeit ganz beim Gegenüber sein und dann bewusst zu sich zurückkehren: die Füße spüren, den Atem wahrnehmen, ins eigene Herz hören. Ein Ziel gibt er dabei nicht vor. Sein Bild: Wir sitzen im Boot, er zeigt auf eine Insel, und du entscheidest, ob du dorthin rudern willst. „Ich führe, damit du dich selber führst.“ Ein Satz, der für Führung insgesamt eine Menge hergibt.
Welche Art von Mann möchte ich sein?
Adeniyi möchte neue Erfahrungsräume für Männer schaffen. Ein Impuls dafür sind seine beiden Töchter: Welches Bild von Männlichkeit sollen sie erleben? Und welche Art von Männern würden sie sich später einmal wünschen?
Er beschreibt etwas, das viele Männer kennen: Zwei Männer umarmen sich und klopfen sich dabei kräftig auf den Rücken. Nähe, die gleichzeitig überspielt wird. Dabei sehnen sich viele Männer nach echtem Kontakt, nach einem Halt, ohne sofort in eine Schublade gesteckt zu werden.
Was Männern heute fehlt? Adeniyi sieht vor allem eine Suche nach Identität. Wut war bei Männern lange erlaubt, Traurigkeit nicht. Gleichzeitig haben sich die Rollen von Frauen verändert und damit auch die der Männer. Ich erlebe diese Verunsicherung gerade bei meinem Sohn. Und ehrlich gesagt auch bei mir selbst.
Für Adeniyi ist die entscheidende Frage deshalb nicht, was ein „echter Mann“ ist, sondern: Welche Art von Mann möchte ich sein? Und noch einen Schritt weiter: Jeder Mensch ist ein Mensch. Wer bist du?
Was wir alle brauchen: Bewusstsein und Mut
Am Ende landen wir bei dem, was nicht nur Männer brauchen, sondern wir alle: ein Bewusstsein für uns selbst. Nicht nur im Kopf, sondern im Körper, in den Emotionen, in unseren Beziehungen. Und Mut. Adeniyi erinnert daran, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben, sondern Angst zu haben und es trotzdem zu tun.
Von aushalten zu mitschwingen
Ich hatte Stärke im Gespräch als die Fähigkeit beschrieben, Dinge auszuhalten. Adeniyi hat das sanft korrigiert. Aushalten verbindet er mit Spannung und Widerstand. Er würde lieber sagen: mitschwingen. Mal in die eine Richtung, mal in die andere.
Das deckt sich mit meiner Erfahrung: Wenn ich eine Emotion annehme, reguliert sie sich meist schnell. Kämpfe ich dagegen an, wird sie größer. „Aushalten“ ist ein sehr männliches Wort. Vielleicht dürfen wir es loslassen.
Adeniyis Gedanke zum Mitnehmen: Das Leben ist gleichzeitig. Bleib neugierig, schwing mit dem Pendel des Lebens und schau, wohin es dich bringt.
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Die ganze Folge findest du auf YouTube und Spotify. Mehr zu Adeniyi Akinwale gibt es in Kürze auf seiner neuen Webseite.
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